Rotterdam - Am Tag nach ihrem spektakulären WM-Auftritt entspannte Elisabeth Seitz erst einmal auf dem Wahrzeichen von Rotterdam. Doch nach dem Besuch auf dem 185 Meter hohen Aussichtsturm "Euromast" begann der Trainings-Countdown für die wichtigsten Wettkämpfe ihrer Karriere.
Bei den Weltmeisterschaften in der niederländischen Hafenstadt hatte das 16-jährige Team-Küken überraschend die Finales am Stufenbarren und Mehrkampf erreicht. "Ich habe überhaupt keinen Druck. Aber meine ganze Konzentration liegt jetzt auf diesen beiden Finals. Ich hoffe nur, ich bin nicht wieder so nervös wie noch im Vorkampf", meinte Seitz, die neue deutsche Vorturnerin zurückhaltend.
"Elisabeth trainiert fantastisch hohe Umfänge, tut immer mehr als andere", lobte Cheftrainerin Ulla Koch ihre Musterschülerin und gab gleich als Devise aus: "Jetzt kann es nur heißen: Weiter Vollgas im Training. Anders sind solche Steigerungen innerhalb eines halben Jahres nicht zu erreichen." Parallelen zu Super-Talent Fabian Hambüchen, der schon mit 16 ein Star war und sich heute zeitweise ausgebrannt fühlt und öfter verletzt, will sie nicht gelten lassen. "Die Zahl der Wettkämpfe ist doch überhaupt nicht vergleichbar. Wenn Eli dieses Jahr auf acht Wettkämpfe kommt, wäre das schon viel."
Wenn ihre Freundinnen ins Kino oder in die Disco ziehen, quält sich Eli an den Geräten in der Trainingshalle. "Ich habe einfach Spaß am rumfliegen", erklärte die Schülerin vom Ludwig-Frank-Gymnasium Mannheim ihre Motivation, wöchentlich bis zu 32 Stunden neue Elemente einzustudieren und zu stablisieren. Täglich um 06.00 Uhr klingelt ihr Wecker, dann absolviert sie zwischen 07.30 und 09.30 Uhr meist zwei Stunden Training. Danach geht es in die Schule und nach 14.00 Uhr wieder zurück ins Leistungszentrum.
Andere wären an dieser Balance zwischen Schule und Sport längst gescheitert. "Am Dienstag geht's wieder in die Schule. Und da muss ich gleich einige Klausuren nachschreiben", meinte die Zehntklässlerin. "Aber meine Schule unterstützt mich sehr. Und es wird auch mal akzeptiert, wenn die eine oder andere Stunde wegen Training ausfällt", sagte sie und verweist auf den totalen Rückhalt durch der Familie, ohne die vieles wohl nicht möglich gewesen wäre.
Bei den EM in Birmingham zog sie am Barren mit einer Schwierigkeit von 5,9 ins Finale, nur sechs Monate später präsentierte sie in Rotterdam eine Übung mit Ausgangwert 6,6 und sorgte mit dem Rekordwert von 14,966 als Fünfte für Hochstimmung im Team. Dabei glänzte sie mit dem Def-Salto, einem seltenen G-Teil: Weltklasse. "Bei der EM habe ich das Teil bei der Französin Youna Dufournet und mich begeistert. Drei Wochen habe ich geübt, bis ich es selbst vorzeigen konnte", erläuterte die Mannheimerin. Am Boden stellte sie als erste Deutsche den Jurtschenko mit Doppelschraube vor und hat damit den Anschluss an die besten der Welt geschafft.
Erst mit sieben Jahren verschrieb sich Eli Seitz dem Turnsport. Dabei war der stets strahlenden Athletin das Talent nicht in die Wiege gelegt worden. "Als ich sie 2006 übernommen habe, war sie in meinem Junioren-Kader noch mit Abstand die Schwächste", erinnerte sich Heimtrainerin Claudia Schunk, die der zierlichen, nur 1,59 Meter große Turnerin erstmal ordentlich Krafttraining verordnete - die Grundlage für heutige Erfolge.