Siege statt Süßigkeiten: Bei den US Open hat Angelique Kerber bestätigt, dass es im deutschen Damen-Tennis nun noch eine vierte starke Kraft gibt. Kollegin Andrea Petkovic hatte das schon längst geahnt: "Ich freue mich, dass ich recht habe. Ich habe gesagt, dass sie in einem halben Jahr in den Top 30 ist", meinte Petkovic über die Viertelfinalistin, mit der sie drei Wochen gemeinsam in Offenbach trainiert hatte.
Kontinuierliches, hartes Training, vernünftige Ernährung, dazu das Vertrauen ins eigene Können - schon geht es steil nach oben für die bisher noch an Rang 92 der Weltrangliste geführte Kielerin, die seit Jahren als Talent gilt. Den Durchbruch unter die besten 20 der Welt schafften aber zunächst Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki, die im US-Open-Achtelfinale enttäuschte. "Klar freue ich mich, dass ich mit den Dreien da oben mitspielen kann", sagte Kerber. Große Unterschiede habe es beim Training mit Petkovic nicht gegeben.
Was fehlte, waren zum einen die körperlichen Voraussetzungen, weil Kerber das nicht konsequent verfolgte. "Das ist auf jeden Fall der Schlüssel. Letztes Jahr wäre ich nach der zweiten Runde fix und fertig gewesen. Wenn ich das Turnier vor einem Monat gespielt hätte, weiß ich nicht, wie es ausgegangen wäre", gestand Kerber. Süßigkeiten sind weitgehend tabu, eine Schokolade gönnt sie sich aber ab und an.
Das wochenlange Training in der hessischen Akademie von Ex-Australian-Open-Finalist Rainer Schüttler, dem auch seine herausragende Fitness zu vielen Siegen verhalf, und Alexander Waske zahlte sich für Kerber schon aus. Beim Vorbereitungsturnier in Dallas stieß die 23-Jährige zuletzt bis ins Halbfinale vor, nur ein Sieg fehlte zum deutschen Endspiel gegen Lisicki.
Als Trainer fungiert nun nicht mehr ihr Vater, sondern Benjamin Ebrahimzadeh, mit dem sie während der Matches auch in New York immer wieder den Kontakt sucht. Er ermuntert die Linkshänderin, positiv zu bleiben und ihr aggressives Spiel durchzuziehen. Erfolge machen selbstbewusst, die einstigen Zweifel sind verflogen. Dazu kommt ein alter Hut: Die Konkurrenz im eigenen Land sowie das gemeinsame Training beflügeln.
Damit könnte Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner im kommenden Jahr vor einem Luxusproblem stehen, denn Kerber würde gern in der Auswahl spielen, die 2012 in der Weltgruppe Tschechien um Wimbledonsiegerin Petra Kvitova empfängt. Zu der harmonischen Truppe gehörten zuletzt Petkovic, Görges, Lisicki und Anna-Lena Grönefeld.
Aufgrund ihrer Wurzeln war für Kerber auch ein Fed-Cup-Start für Polen eine Option. "Es gab Gespräche, dann kam die Presse, weil ich einmal eine falsche Antwort gegeben habe", erzählte Kerber, die sich als ruhigen Menschen beschreibt, der gut zuhören kann, nicht aufgibt, ihren Traum leben will und nach vorn schaut, nicht nach hinten.
Der Blick nach vorn sagt, dass noch einiges möglich ist. Eine gute Freundin hat es vorgemacht. Mit der Weltranglisten-Ersten Caroline Wozniacki, deren Eltern aus Polen nach Dänemark gingen, ist Kerber sehr eng verbunden, "weil wir uns von klein auf kennen". Im Juli feierte sie bei Wozniackis 21. Geburtstag mit, beide machten schon gemeinsam Urlaub auf Mauritius - das aber ohne Tennis.