Paris - Als die chinesische Nationalflagge über dem Court Philippe Chatrier gehisst wurde, bekam auch Li Na erstmals weiche Knie. Mit feuchten Augen schaute sie nach ihrem French Open-Triumph hinauf zur roten Fahne mit den fünf gelben Sternen und konnte ihre Emotionen nur mühsam verbergen.
"Das war schon ein ganz besonderer Moment. Die Flagge deines Landes siehst du sonst ja nur bei den Olympischen oder den Asien Spielen", sagte die frisch gekürte Siegerin. In ihrer Heimat sorgte der erste Grand-Slam-Sieg eines asiatischen Tennisprofis im Einzel für eine Explosion der Freude. Knapp 50 Millionen Chinesen verfolgten am späten Samstagabend den 6:4, 7:6 (7:0)-Triumph über die italienische Titelverteidigerin Francesca Schiavone.
"Li Na schreibt in Paris Geschichte", titelte die "Shanghai Daily Newspaper". Nach ihrem Coup beim größten Sandplatz-Spektakel der Welt wird die 29-Jährige im Milliardenreich in einem Atemzug mit den absoluten Superstars des Landes genannt. "Li Na hat Yao Ming, Liu Xiang und Ding Junhui überholt", schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Liu Xiang ist Olympiasieger über 110 Meter Hürden, Ding Junhui eine Snooker-Ikone. Beide werden wie Basketball-Riese Yao Ming in ihrer Heimat wie Helden verehrt.
Doch nicht nur in China, in ganz Asien wurde der "historische" Triumph gefeiert. "Sie ist nun der Stolz von ganz Asien", sagte der frühere thailändische Spieler Paradorn Srichaphan. Selbst in Japan, eigentlich der große Rivale Chinas in der Region, wurde Li Nas Sieg als gesamtasiatischer Erfolg bewertet. "Die Erste aus Asien", titelte die japanische Tageszeitung "Asahi Shimbun".
Li Na konnte in den Stunden nach dem größten Erfolg ihrer Karriere noch gar nicht richtig fassen, was sie zuvor geleistet hatte. "Ein Traum wird war, darum habe ich als kleines Kind angefangen, Tennis zu spielen", sagte die neue Nummer vier der Welt, die für ihren Sieg 1,2 Millionen Euro Preisgeld kassierte. Geld, für das der große Shopping-Freak schon Verwendung finden wird. "Meine Kreditkarte habe ich immer dabei", scherzte sie in den vergangenen Tagen.
Auch ihre Sponsoren und die Spielerorganisation WTA rieben sich nach dem überraschenden Erfolg der Australian-Open-Finalisten genüsslich die Hände. China mit seinen 1,3 Milliarden Menschen ist als Tennismarkt noch unzureichend erschlossen, hier winken weitere Milliarden für den stets auf Expansion ausgerichteten Tennis-Zirkus.
"Dieser Sieg bedeutet einen richtigen Durchbruch in einem Sport, der bislang von Spielern aus Europa, Australien und Amerika dominiert wurde", zitierten mehrere Medien den Chef der Chinesischen Tennis-Föderation, Sun Jinfang. "Das ist eine massive Quelle der Freude für ganz Asien und kann ein Meilenstein für das chinesische Tennis sein", sagte Sun Jinfang. "Li Na ist das neue Gesicht des chinesischen Sports."
Dabei ist Tennis in China nicht groß verbreitet, sondern eher ein Sport der Elite. In normalen Schulen wird Tennis nicht - wie etwa Tischtennis oder Badminton - besonders gefördert. Jugendliche spielen fast ausschließlich in teuren privaten Schulen. Nur knapp 3000 registrierte Tennisspieler soll es geben, schätzungsweise gehen mehr als zehn Millionen Chinesen regelmäßig auf den Tennisplatz. Die Sportart ist zwar seit mehr als 100 Jahren im Reich der Mitte bekannt, der erste professionelle Tennisclub wurde allerdings erst 1998 in China gegründet.
Die hochgelobte Li Na wird vom Trubel in ihrer Heimat erst einmal nichts mitbekommen. Sie bleibt in Europa, um sich auf das in zwei Wochen beginnende Rasen-Highlight in Wimbledon vorzubereiten. "Wenn ich in Wimbledon nicht gut spiele, haben mich die Leute in China wahrscheinlich schon wieder vergessen", witzelte die Chinesin, die die Stunden nach ihrer Paris-Gala mit ihrem Team verbringen wollte.
Vor allem ihr neuer Trainer Michael Mortensen hat großen Anteil am Erfolg. Li Na heuerte den Dänen vor einem Monat an, nachdem sie im Anschluss an ihren unerwarteten Finaleinzug bei den Australian Open viermal nacheinander in der ersten Runde rausgeflogen war. "Ich musste etwas verändern", erklärte Li Na, die ihrem Ehemann deshalb als Trainer den Laufpass gab. "Aber nur als Trainer", betonte die Asiatin schelmisch, ehe sie in der Nacht von Paris verschwand. Den Pokal und die Kreditkarte im Gepäck.