(c) SID IMAGES/AFP/: Betty Heidler begann erst im Alter von 15 Jahren mit dem Hammerwurf
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"Über 80 Meter möchte ich mal werfen!"

Hammerwerferin Betty Heidler hat noch Ziele: Die Europameisterin will die 80-Meter-Marke knacken, in jedem Fall bei Olympia 2012 starten und ihr Jurastudium abschließen.
03.09.2010 16:13 Uhr

2007 wurde Betty Heidler in Osaka Hammerwurf-Weltmeisterin, in diesem Jahr gewann sie bei den Europameisterschaften in Barcelona ebenfalls Gold. Im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) äußert sich die 26-Jährige über das Haifischbecken Leistungssport, das Thema Doping, ihre Ziele und das Leben als Jura-Studentin.

SID: "Sie haben irgendwann vor einer Veranstaltung mal gesagt, dass Sie auf Sieg werfen wollten. Sollte das eine Hammerwerferin nicht immer zumindest versuchen?"
Betty Heidler: "Ich werde immer daran gemessen, was ich sage. Wenn ich aber gesundheitlich nicht ganz fit bin, die Konkurrenz aber extrem stark ist, oder wenn ich mich in einer bestimmten Trainingsphase befinde, dann geht es eher darum, eine bestimmte Weite zu werfen und zum Beispiel unter die besten Drei zu kommen. Da sollte man dann nicht vom Sieg sprechen."

SID: "Ihr später Einstieg in die Leichtathletik mit 14 Jahren überrascht ..."
Heidler: "Eine Freundin, die Geherin war, nahm mich 1997 mit zum Training. Dort entdeckte man mich und teilte mich nach der Beurteilung meiner Statur den Werfern zu. Im Schülerbereich probiert man zunächst alles aus: Hürdenlauf, Hochsprung und alle Wurfdisziplinen. Im sogenannten Blockwurf nahm ich am Schülermehrkampf teil. Mit knapp 15 Jahren sprach mich ein Hammerwurftrainer an und lud mich zum Training ein."

SID: "Oft hört man von Athleten, dass der Leistungssport ein Haifischbecken ist. Wie empfinden Sie das?"
Heidler: "Leistungssportler in einer Einzelsportart müssen definitiv egoistisch sein. Man eckt auch an und muss die Ellenbogen ausfahren. Im Team herrscht eine gesunde Konkurrenz, im Training eine gute Stimmung. Kathrin Klaas (Heidlers Trainingskollegin, d.Red.) und ich halten Kontakt, was das Training angeht und teilen uns bei internationalen Wettkämpfen ein Zimmer. Wir verstehen uns gut, privat unternehmen wir nichts miteinander, denn Freundschaft ist was anderes."

SID: "Gibt es eine Weite, die Sie unbedingt noch erreichen wollen?"
Heidler: "Über 80 Meter möchte ich mal werfen! Ob die Weite realistisch ist, kann ich wohl erst in ein paar Jahren beantworten. Wir Frauen entwickeln uns noch in dieser jungen Disziplin. Der Weltrekord ist in diesem Jahr auf 78,30 m verbessert worden."

SID: "Wie gehen Sie mit der Dopingdiskussion um?"
Heidler: "Ich stelle mich der Diskussion ehrlich. Das Thema Doping ist immer aktuell, wir hatten ja auch im Hammerwurf der Frauen schon Dopingfälle. Mehrfach im Jahr erfolgen bei mir Kontrollen, diese werden im Adams-Meldesystem online dokumentiert. Es ist eine Illusion, dass es kein Doping gibt, es finden sich immer wieder neue Substanzen."

SID: "Wenn Sie etwas an der Praxis der Dopingkontrollen ändern könnten, wie würde das ausschauen?"
Heidler: "Ich würde Blutpässe einführen, die die Parameter der Athleten international einheitlich kennzeichnen. In Deutschland und Europa kontrolliert man schon vorbildlich, aber es gibt einfach noch zu viele Lücken im Rest der Welt. Die werden ausgenutzt, und das ist unfair. Die Verantwortlichen sollten im Leistungssport einheitliche Kontrollen weltweit einführen."

SID: "Ihre Sportart bedeutet eine extreme Belastung für den Körper. Worauf achten Sie besonders, um Ihr Verletzungsrisiko zu minimieren?"
Heidler: "Hammerwurf ist kein Gesundheitssport. Damit der Rumpf diese Belastung aushält, ist das Stabilisations- und Krafttraining extrem wichtig."

SID: "Gab es in der Vergangenheit ernste Verletzungen?"
Heidler: "Nach langen Schwierigkeiten mit der Patellasehne erfolgte im Herbst 2007 eine Operation. Jetzt bin ich fit und gesund."

SID: "Wer unterstützt Sie?"
Heidler: "Privat unterstützen mich meine Eltern, meine Familie und mein Freund. Sportlich ist natürlich mein Trainer die wichtigste Bezugsperson. Auch meine Manager und Berater handeln nicht nur Verträge aus, sondern sind auch für Gespräche offen. Neben einer Psychologin und dem Olympiastützpunkt vertraue ich Ilse Bechthold (ehemalige DLV-Vizepräsidentin, d.Red.). Mit ihr treffe ich mich auch privat."

SID: "Nach einer Ausbildung zur Polizeimeisterin studieren Sie seit 2008 Jura? Wie bringen sie Sport und Studium unter einen Hut?"
Heidler: "Das funktioniert nur durch Absprache mit dem Olympiastützpunkt, der Universität und dem Trainer. Ich achte aber darauf, dass die Belastung nicht zu groß wird."

SID: "Sie stecken viel Ehrgeiz in das Studium ..."
Heidler: "Ja, aber ich relativiere das: Meine Ausbildung habe ich mit Eins abgeschlossen. Beim Jurastudium muss man schon für eine Zwei oder Drei viel Zeit investieren. Eine Eins ist utopisch, die Zeit habe ich einfach nicht. Ich weiß, was ich leisten kann und muss. Ich möchte bestehen."

SID: "Kommt ihr Leben als Studentin dabei zu kurz?"
Heidler: "Es geht nicht, dass ich als Leistungssportlerin abends in Bars gehe. Ich studiere aber ohnehin nur in Teilzeit und lebe es nicht so aus wie die Vollzeitstudenten."

SID: "Entstehen Freundschaften zu Kommilitonen?"
Heidler: "Ja, aber relativ wenig. Durch mein Teilzeitstudium verliere ich Mitstudenten oft aus den Augen. Ich halte mich deshalb auch zurück."

SID: "Werden Sie auf dem Campus wiedererkannt?"
Heidler: "Ich werde schon mal erkannt, aber das hält sich in Grenzen. Es ist auch sehr angenehm, im Hörsaal oder in Arbeitsgruppen zu sitzen und eine von vielen zu sein. Ich bin eine Studentin ohne Sonderrolle."

SID: "Hat der Sport Sie verändert?"
Heidler: "Für mich gibt es keinen Grund, anders zu sein, als ich früher war. Man sagt mir nach, dass ich wenige Allüren und Aussetzer habe. Im Umgang mit Medien und Journalisten bin ich umgänglich und unkompliziert. Warum soll ich so tun, als ob ich was Besonderes wäre, nur weil ich etwas Besonderes gut kann? Das heißt ja nicht, dass mein ganzes Leben außergewöhnlich ist."

SID: "Gibt es ein Vorbild?"
Heidler: "Mein Vorbild ist die Behindertensportlerin Marianne Buggenhagen. Sie ist mehrfache Paralympics-Siegerin, Weltrekordhalterin, Weltmeisterin, Europameisterin. Mit ihr habe ich ungefähr ein Jahr lang in Berlin trainiert."

SID: "Woran erinnern Sie sich ungern?"
Heidler: "Olympia in Peking. Alles war perfekt organisiert, aber es wurden extra für uns Mauern aufgebaut und hohe Bäume gepflanzt. Man sah nicht, was dahinter ist. Wir kennen das freie Denken und Leben in einer Demokratie. Dort waren die Einschränkungen offensichtlich, es ist kein freies Land."

SID: "Was würden Sie gerne mal tun?"
Heidler: "Ich möchte mal ganz privat ganz spontan wegfahren. Mein Leben ist extrem durchgeplant. Man hat das Gefühl, man rast von Jahr zu Jahr. Viele Dinge erlebt man nicht so bewusst, wie man sie erleben sollte."

SID: "Was glauben Sie, wie lange Sie dem Leistungssport noch erhalten bleiben?"
Heidler: "Das ist abhängig von der Gesundheit. Ich plane erstmal bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London. Rio de Janeiro 2016 ist noch ganz schön weit weg."

SID: "Wann sind Sie richtig glücklich und zufrieden?"
Heidler: "Nach so einem Großereignis wie der EM in Barcelona schnaufe ich durch und genieße das Gefühl, dass sich die ganze Arbeit des Jahres gelohnt hat. Zufrieden bin ich auch, wenn ich nach intensiver Vorbereitung eine gute Klausur schreibe."

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