Blitz und Donner hatten sich rechtzeitig verzogen, als Linda Stahl zum großen Wurf ausholte. Zunächst huschte nur ein verhaltenes Lächeln über ihr Gesicht, kurz darauf aber bejubelte die 24-jährige Leverkusenerin triumphierend mit in die Höhe gereckten Armen ihren Gold-Coup. Mit dem Triumph im Speerwerfen bescherte sie den deutschen Leichtathleten innerhalb weniger Minuten den zweiten EM-Titel in Barcelona, nachdem zuvor Sprinterin Verena Sailer den Bann gebrochen hatte.
Nach der Serie von Enttäuschungen für das DLV-Team durfte sich die zweimalige Vize-Weltmeisterin Christina Obergföll mit Silber über die dritte Medaille des Abends freuen. Überglücklich war derweil Linda Stahl. "Ich habe mir schon 65 m zugetraut, aber dass der Speer so weit fliegt, hätte ich nie erwartet", sagte die Medizinstudentin nach ihrer persönlichen Bestleistung von 66,81 m: "Ich kann es kaum fassen, dass ich gegen diese Konkurrenz gewonnen habe."
Molitor wird Vierte
Hinter der drittplatzierten Weltrekordlerin und Olympiasiegerin Barbora Spotakova aus Tschechien (65,36), die durch eine Verletzung am Wurfarm gehandicapt war, komplettierte die Olympia-Achte Katharina Molitor (Leverkusen) als Vierte mit 63,81 m das glänzende Abschneiden des deutschen Speer-Trios. Dabei hatten die äußeren Bedingungen die deutsche Medaillenjagd nicht gerade leichter gemacht. Zwar war das abendliche Unwetter über der Olympiastadt von 1992 bis zur Speer-Konkurrenz abgeflaut, doch der teilweise böige Wind blies von allen Seiten durchs Stadion.
"Es war schon ein etwas seltsamer Wettkampf. Vor allem, weil am Ende noch einmal alles durcheinander gewirbelt wurde", meinte Obergföll. Die 29-Jährige aus Offenburg sah ihren Wettkampf denn auch mit gemischten Gefühlen: "Klar freue ich mich über meine erste EM-Medaille, aber Gold war zum Greifen nah, und ich hatte einfach Probleme mit meinem Rhythmus beim Anlauf. Die Beine liefen nicht so richtig"
Stahl und Obergföll sorgten für den ersten Doppelsieg in ihrer Disziplin seit 36 Jahren. Die letztjährige WM-Sechste Stahl wurde als insgesamt achte deutsche Speer-Europameisterin seit 1938 Nachfolgerin ihrer zurückgetretenen Leverkusener Klubkameradin Steffi Nerius, die vor vier Jahren in Göteborg triumphiert hatte.