Am Samstag steigt in der bayerischen Landeshauptstadt der lang ersehnte Kampf zwischen WBC-Champion Vitali Klitschko und seinem Herausforderer Dereck Chisora. Häufig wird im Vorfeld eines solchen Kampfes versucht, die Brisanz künstlich zu pushen. Dies ist an dieser Stelle nicht nötig; das tut der Herausforderer, ohne dass er danach gefragt wird: "Vitali wird in der achten Runde K.o. gehen", kündigte der Brite auf einer Pressekonferenz in München vollmundig an und fügte hinzu: "Ich rieche bei Klitschko die Angst, etwas Großes zu verlieren" und dass "dieser noch nie gegen jemanden wie ihn geboxt habe".
Skandale pflastern seinen Weg
Ohne zu übertreiben, ist es ein Kampf völlig gegensätzlicher Charaktere: Da ist auf der einen Seite der seriöse, promovierte ältere der beiden Klitschko-Brüder, der über Jahre hinweg Vorbildfunktionen ausführt und ohne Skandale auskommt. Auf der anderen Seite der junge, ungestüme Emporkömmling, der jederzeit eine dicke Lippe zu riskieren bereit und sehr von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt ist. In seiner erst jungen Karriere fiel der 28-jährige schon durch den einen oder anderen Skandal auf. Im Mai 2009 wandelte er auf den Spuren Mike Tysons und biss seinem Gegner Paul Butlin während des Kampfes in das linke Ohr. Das Schlimmste an der Geschichte ist die Tatsache, dass der Ringrichter diese Aktion nicht bemerkte und Chisora als Gewinner des Kampfes gefeiert wurde. Erst nachträglich wurde er für vier Monate gesperrt und musste zudem eine Geldsperre zahlen; der Sieg wurde ihm allerdings nicht aberkannt. Auch Verurteilungen wegen illegalen Waffenbesitzes und Mißhandlung seiner Frau tragen nicht zwangsläufig zur Verbesserung seines Images bei.
"Die Klitschkos haben den Sport getötet"
Im Mai 2010 nutzte der in Simbabwe geborene Brite seine erste Chance auf einen Titel, bezwang Danny Williams durch technisches K.o. in der 2. Runde und wurde britischer Schwergewichtsmeister. Nach anschließender Titelverteidigung gelang ihm zudem der Gewinn des Commonwealth-Titels gegen Sam Sexton. Zuletzt verlor Chisora zwei seiner vergangenen drei Kämpfe und fiel neben dem Ring eher durch skandalträchtige Aktionen auf. Beispielsweise küsste er seinen Gegner Carl Baker auf einer Pressekonferenz auf den Mund und verspottet im Vorfeld des bevorstehenden Kampfes gegen Vitali Klitschko ihn und seinen Bruder. Chisora kündigte an, sich nach Vitali auch dessen Bruder Wladimir vorzuknüpfen. "Jeder ist gelangweilt von dir und deinem Bruder, weil ihr keine Aufregung in den Sport bringt. Die Klitschkos haben den Sport getötet, den ich liebe", sagte Chisora.
Der größte Knockouter aller Zeiten völlig unbeeindruckt
Der WBC-Champion wird sich durch derartige Mätzchen nicht von seinem Konzept abbringen lassen, kennt er diese Art Psychospielchen doch von seinen Gegnern vor den Kämpfen. Der zwei Meter große, gebürtige Ukrainer ist seit Jahren eine zuverlässige Konstante im großen Boxzirkus. Mittlerweile ist er das dritte Mal WBC-Titelträger. Dies gelang vor ihm nur den Größten dieses Sports: Muhammad Ali, Evander Holyfield und Lennox Lewis. Gegen eben jenen Lennox Lewis bot Vitali Klitschko vielleicht die beste Vorstellung seiner Karriere, als er im Jahre 2003 (nach Punkten führend) wegen einer Verletzung aufgeben musste. "Dr. Eisenfaust" bekam zudem im Sommer 2009 den Titel Größter Knockouter aller Zeiten verliehen. Seine Quote von 36 K.o.'s in 37 Kämpfen ist unerreicht.
Neben seiner äußerst erfolgreichen Boxkarriere und seinem hohen Bildungsstand, engagiert sich Vitali Klitschko sehr für die Wahrung der Menschenrechte in seiner Heimat - der Ukraine.
Die Schlacht kann beginnen
Von diesem Status ist der "Maulheld" und leidenschaftliche Küsser aus Großbritannien noch meilenweit entfernt. In seinen bisherigen 17 Kämpfen musste er schon ebenso viele Niederlagen hinnehmen wie Vitali Klitschko in seiner gesamten Karriere (45 Kämpfe - 43 Siege, 2 Niederlagen, beide verletzungsbedingt). Am Samstag Abend kann der 28-jährige beweisen, dass er seinen großen Worten auch Taten folgen lässt. Für ihn ist es mit Sicherheit die Chance seines Lebens, doch zum Glück muss der Kampf noch stattfinden. Wenn dieser mit Worten und nicht mit den Fäusten entschieden würde, hätte Klitschko keine Chance. So aber liegt es in der Hand des Weltmeisters seine Fäuste sprechen zu lassen und wieder einmal einem Herausforderer die Leviten zu lesen.
von Tarek Khamis